Wenn Schulden krank machen
Die BZ hat mit GeschĂ€ftsfĂŒhrerin Daniela Saramat von der Sozialberatung ĂŒber die Beratung von Schuldnern gesprochen. Viele kommen erst spĂ€t, um sich UnterstĂŒtzung zu holen.
Daniela Saramat ist seit MĂ€rz dieses Jahres neue GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der Sozialberatung Ludwigsburg e.V. Der Verein bietet unter anderem Schuldnerberatung fĂŒr den Landkreis Ludwigsburg an. Die BZ hat mit ihr ĂŒber Schulden, HaushaltsplĂ€ne und anonyme Beratungen gesprochen.
Wer kommt zu Ihnen?
Daniela Saramat:Â Viele unserer Klientinnen und Klienten leben am Existenzminimum, bekommen Arbeitslosengeld II oder haben eine geringe Rente und mussten schon immer rechnen. Es kommen aber etwa genauso viele Arbeitnehmer aus der Mittelschicht, die zum Beispiel mehrere Kleinkredite laufen haben und jetzt anfangen mĂŒssen bescheidener zu leben, weil alles teurer wird.
Haben Sie mehr Zulauf als vor der Pandemie?
Ja, allerdings warten wir auf einen noch gröĂeren Zulauf. Wir rechnen mit vielen Menschen, die ĂŒber Monate in Kurzarbeit gearbeitet haben, ihre LohnsteuererklĂ€rung fĂŒr 2020 und 2021 machen mĂŒssen und nicht beachtet haben, dass das Kurzarbeitergeld mit einem Mischsteuersatz nachtrĂ€glich versteuert werden muss, der fĂŒr die Betroffenen eher unvorteilhaft ist. Dadurch werden oft hohe Nachzahlungen fĂ€llig. Viele haben in der Pandemie sowieso weniger Geld zur VerfĂŒgung gehabt und knapp kalkuliert. Die RĂŒckforderungen des Finanzamts werden sie nun in BedrĂ€ngnis bringen.
Was können Sie fĂŒr diese Menschen tun?
Im Steuerrecht ist keine Ratenzahlung vorgesehen. Aber das Finanzamt weiĂ auch, dass es fĂŒr viele unmöglich sein wird, die Forderung in einem Betrag zu begleichen. Wir versuchen daher mit den FinanzĂ€mtern eine Ratenzahlung zu vereinbaren, die die Betroffenen auch leisten können. Das Finanzamt legt in diesen FĂ€llen meist auch eine quartalsweise Vorauszahlung fĂŒr das nĂ€chste Jahr fest, um solche RĂŒckforderungen kĂŒnftig zu vermeiden.
MĂŒssen Menschen, die zu Ihnen in die Beratung kommen, sich fĂŒr ihre Schulden rechtfertigen?
Nein, auf keinen Fall. Uns ist wichtig, dass sich unsere Klientinnen und Klienten von uns angenommen fĂŒhlen â egal, was in der Vergangenheit passiert ist und warum Schulden entstanden sind. Jede Person hat eine eigene Geschichte, die sie mitbringt. Wir werten hier nicht, warum jemand in finanzielle BedrĂ€ngnis geraten ist. Wir sind froh, wenn die Menschen kommen und wir sie unterstĂŒtzen können. Je frĂŒher sie kommen, desto aussichtsreicher ist der Versuch einer auĂergerichtlichen Schuldenregulierung. Denn Schulden machen krank. Sie belasten Körper und Psyche, Familien und Beziehungen.
Wie wirkt sich vor dem Hintergrund der Pandemie die steigende Inflation auf Ihre Klienten aus?
Zu uns kommen viele, weil sie jetzt Stromnachzahlungen erhalten, die sie jedoch nicht leisten können. FĂŒr viele wird es immer schwieriger, die notwendigen Fixkosten etwa Miete, Energie und Strom zu leisten und gleichzeitig noch unbeschwert Lebensmittel einkaufen zu können und den bisherigen Lebensstandard beizubehalten.
Wird der geplante Heizkostenzuschuss Abhilfe schaffen?
Nein, weil diesen Zuschuss nur EmpfĂ€ngerinnen und EmpfĂ€nger von Wohngeld und Bafög erhalten sollen. Ein Arbeitnehmer, der gerade so ĂŒber die Runden kommt, wird ihn nicht bekommen. FĂŒr diese Personengruppe wird es hart werden.
Wie viele Schuldnerberater arbeiten bei Ihnen?
Wir haben drei Vollzeitstellen, die sich auf fĂŒnf Mitarbeitende aufteilen. Die Schuldnerberatung bei uns wird zu 90 Prozent vom Landratsamt finanziert. Zehn Prozent stellen wir pro Stelle aus Eigenmitteln zur VerfĂŒgung.
Und die sind gut beschÀftigt?
Ja, wir haben jeden Mittwoch eine offene Sprechstunde, wegen Corona zurzeit noch mit Terminvergabe. Wir bieten vier Termine an, einmal im Monat beraten wir auch am Nachmittag, dann sind es bis zu acht Beratungstermine, die wir vergeben. FĂŒr die nĂ€chsten drei Wochen sind bereits alle Termine vergeben.
Kommen zu Ihnen jetzt auch verstÀrkt SelbststÀndige?
Ja, das wird in kleinen Schritten mehr. Die ehemals SelbststĂ€ndigen, die zu uns in die Beratung kommen, sind durch die gesetzlichen EinschrĂ€nkungen der Pandemie zum Opfer gefallen. Menschen, die aktuell noch selbststĂ€ndig sind, dĂŒrfen wir â aufgrund von Vorgaben des Landratsamtes â allerdings nicht beraten.
Gibt es mehr Privatinsolvenzen?
Ja, auch aufgrund der VerkĂŒrzung der Laufzeit von sechs auf drei Jahre sind die Erfolgsaussichten fĂŒr viele besser. Auf die leichte Schulter nimmt das aber niemand. Und fĂŒr uns ist die Privatinsolvenz immer das letzte Mittel. Als Schuldnerberater versuchen wir einen Ausgleich zwischen dem GlĂ€ubiger und dem Schuldner zu erreichen. Wenn das gar nicht funktioniert, dann bleibt oft nur die Privatinsolvenz.
Bei Ihnen kann man sich online anonym beraten lassen. Nutzen das Angebot viele Menschen?
Interessanterweise nein. Wir hatten das als Projekt fĂŒr drei Jahre gestartet und wĂ€hrend der Pandemie damit gerechnet, dass wir mit anonymen Anfragen ĂŒberhĂ€uft werden. Aber dem war nicht so. Wir haben vereinzelt anonyme Anfragen, aber das sind relativ wenige im Vergleich zu den Anfragen in der Beratungsstelle.
Bedeutet das, dass die Menschen diese AnonymitÀt nicht mehr brauchen und sich in die Beratungsstelle trauen?
Nein, ich denke, wir sehen hier nur die Spitze des Eisbergs. Ein Problem ist auch, dass die Menschen oft erst viel zu spĂ€t in die Beratungsstelle kommen. Wenn wir frĂŒher in die Beratung einsteigen könnten, wĂŒrden wir so manches verhindern können. Die Menschen, die bei uns ankommen, sind oft sehr verzweifelt und schĂ€men sich. Sie haben alles versucht und sehen in der Beratung ihre letzte Rettung.
Wann ist denn der richtige Zeitpunkt, um in die Schuldnerberatung zu gehen?
Wenn man die eine oder andere Rechnung nach hinten schiebt, mit Zahlungen zu jonglieren beginnt und darĂŒber nachdenkt, wie man die finanziellen Ausgaben in den nĂ€chsten Monaten bezahlt bekommt. Wenn die Ausgaben also nicht mehr routinemĂ€Ăig vom Konto abgebucht werden können, sondern man sich ĂŒber die Zahlungen Gedanken macht â dann ist der richtige Zeitpunkt, sich UnterstĂŒtzung zu holen.
Wenn ich zu Ihnen in die Beratung komme, was erwartet mich dann?
Wir fragen nach den Einnahmen und Ausgaben und den Lebenshaltungskosten wie Miete, Stromkosten und so weiter und erstellen bei Bedarf einen Haushaltsplan. Wenn Miete und Strom nicht mehr regelmĂ€Ăig bezahlt werden, ist das ein Zeichen dafĂŒr, dass es in anderen finanziellen Bereichen bereits Schwierigkeiten gibt. Miete und Strom werden immer so lange wie möglich gezahlt.
Wie helfen Sie dann konkret?
Wir betrachten die Ausgaben, suchen nach Sparmöglichkeiten und prĂŒfen, wie viel Geld die Betroffenen fĂŒr die Begleichung von Schulden auf die Seite legen können. Wenn die Person arbeitet, rechnen wir den pfĂ€ndbaren Betrag aus, der zur VerfĂŒgung stehen wĂŒrde. Damit arbeiten wir und nutzen den Betrag zur Regulierung der Schulden. Wir kontaktieren die GlĂ€ubiger, verschaffen uns einen Ăberblick und erarbeiten dann einen Schuldenbereinigungsplan fĂŒr unseren Klienten. Bei der Schuldnerberatung ist der ganzheitliche Ansatz wichtig, nur so können die Menschen die ausgearbeiteten PlĂ€ne ĂŒber die vereinbarte Laufzeit durchhalten.
Wie reagieren die Menschen darauf?
Wir haben viele, die sehr gut mitarbeiten. Denn in dem Moment, in dem wir nicht mehr am Prozess beteiligt sind, haben sie wieder einen vollen Briefkasten mit Mahnungen und Rechnungen. Das wollen die wenigsten haben.
Vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch.
(Dieser Artikel erschien am 08.03.2022 in der Bietigheimer Zeitung)
